Martin Kuhn und seine Ochsen-Tour ins Herz der Japaner

Wie der Magdeburger Martin Kuhn zum Fernsehliebling avancierte. Von Mandy Ganske-Zapf. Mit freundlicher Genehmigung der Magdeburger Volksstimme.

Glaubt man den hochgerech­neten Quoten des Produzenten Mori Tatsuo, haben mindestens zehn Millionen Menschen zugesehen, wie Martin Kuhn in Japan in die Pedale tritt. Mindestens, denn genauer kann das der Fernsehmacher nicht sagen. Er glaubt, es müssen sehr viel mehr gewe­sen sein, denn Kuhn wurde in Japan ein Fernsehliebling.

Mori hatte den Deutschen bei der Ankunft am Flughafen angesprochen, er produziert eine Show unter dem Titel “Why did you come to Japan?” (“Warum kommen Sie nach Japan?”). Angereisten stellt er genau diese Frage. Und folgt denjenigen, die interessant werden könnten. Die Idee des Magdeburgers versprach das: Entlang der japanischen Küste radeln und schauen, wie weit er kommt. Das Wenigste hatte er vorher fest geplant, geschweige denn trainiert. Die Fernsehleute begleiteten ihn über die erste Etappe auf Schritt und Tritt. Wie er sich überhaupt erst in Japan ein Fahrrad zulegte, die erste Übernachtung hatte und am nächsten Tag startete, früh am Morgen um 5.20 Uhr. Auch als er zwischendurch schon nicht mehr konnte, abgekämpft aussah, mit glutroten Wangen, hielten sie mit der Kamera drauf. Kuhn lacht auf diesen Bildern viel, er nahm es offensichtlich sportlich. Während sich Mori und sein Team danach erstmal ins Studio zurückzogen, alles schnitten und über den Äther bei “TV Tokyo” laufen ließen, fuhr Martin Kuhn weiter.

Von der 300 000­Einwohner­Stadt Aomori gestartet, radelte der 36­ Jährige weiter über Tappi und die gesamte Westküste hinunter. Er ist selbständig, und dafür hatte er sich die Zeit gern freigeschaufelt. So ging es vorbei an Steilküsten, die mit einem Gitternetz aus Stahlbeton gesichert waren, vorbei an Tempeln, die in Japan auch am Straßenrand stehen, und vorbei an unzähligen Anglern ­ immer mit einem grandiosen Ausblick aufs Meer. übernachtet hat er meist in seinem Zelt, einmal musste ein Bushäuschen herhalten. Erst später hatte er erfahren, dass das durchaus üblich sei. Gefährlich seien jedenfalls weder das wilde Campen noch die Nacht an der Haltestelle gewesen. “Nur einmal habe ich mein Zelt direkt wieder abgebaut und bin weitergezogen”, erzählt er rückblickend. Denn im anliegenden Wald hatten mit der heraufgezogenen Dunkelheit unzählige Affen begonnen zu kreischen. Angst hatte er nicht, so allein unterwegs zu sein. Recht geben ihm die Zahlen, die Jahr um Jahr zu Japans Kriminalität veröffentlicht werden, gerade erst wieder. Registrierte Straftaten sind rückläufig.

Martin Kuhn hatte andere Probleme: die langen Strecken auf dem harten Fahrradsattel über den Asphalt, Berge hoch und runter, die Schmerzen und zerschlissene Fahrradschläuche. Die erste Panne hatte er nach rund 600 Kilometern. Vier weitere sollten folgen. Und Kuhn hat gelernt, was Regenwetter in Japan bedeutet. “Sie sind wohl durch den Taifun gefahren”, wurde er bei seiner Ankunft in einem Hotel in der Hafenstadt Kagoshima gefragt. Ein Taifun also, und eine Erklärung für die zehn Stunden unter sintflutartig prasselnden dicken Fäden, die vom Himmel ohne Unterlass auf ihn niedergegangen waren. Eingeprägt haben sich ihm die Besuche in Hiroshima und Nagasaki ­ die Städte erzählen über die schmerzlichste Seite der Geschichte Japans, über die Atombomben, die im zweiten Weltkrieg dort abgeworfen wurden und ein Inferno über die Städte brachten. Und ein Trauma übers Land. An der Stelle, wo die Bombe in Hiroshima auftraf, ist heute ein See, künstlich angelegt. Mitten drin eine ewige Flamme, davor ein leeres Grab zum Gedenkenan die 140.000 Opfer, allein in dieser Stadt bis zum Ende des Jahres 1945. Martin Kuhn stand davor, schaute durch den Steinbogen hindurch, direkt auf das einzige Gebäude, das als Ruine auf der anderen Seite des Sees erhalten geblieben ist. Unverändert, weil das die Japaner so wollten. “Das war sehr bewegend.”

Während der Deutsche so immer weiter von Stadt zu Stadt fuhr, stieg mit jedem gefahrenen Kilometer die Reichweite der von Mori produzierten Fernsehbilder. Bis er unterwegs erkannt wurde. Mal winkten Leute, Mopeds hupten ihn an. Er schüttelte so einige Hände. Das altmodische Fahrrad mit dem doppelten Vorderlicht (auch “Double Frontlight” genannt), fast wie neu, aber laut Produktionsdatum an die 50 Jahre alt, merkten sich die Zuschauer offenbar gut. Fast wie ein Markenzeichen. Kuhn fuhr darauf seine Kilometer runter, meist sogar mit Jeans. Ob im Fernsehen oder unterwegs, wer Martin Kuhn in Japan gesehen hat, wird sich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit gefragt haben, ob dieser Deutsche alle beieinander hat. So etwas wie Elbe­ oder Allerradweg mit Stationen für den Stempelpass gibt es in Japan nicht. Rund 30 Städte in 42 Tagen mit durchschnittlich 130 Kilometern Fahrt pro Tag sollten am Ende auf Kuhns Merkzettel stehen. Er hat das Landleben gesehen, die Straße, an ihm vorbeirauschende Lastwagen gespürt, Ampeln passiert, die mit Blau sagen, dass er fahren darf, Osaka und Tokio besucht, auch berühmte Tempel wie den Kinkaku­ji, den Goldenen Pavillon, Weltkulturerbe der Unesco und knapp 700 Jahre alt.

Nach der Ochsentour über 4000 Kilometer traf er Mori noch einmal wieder, zum Abschied. Er überließ ihm das Fahrrad. Der Magdeburger sagte ihm, er solle das für seine Show benutzen, versteigern, damit Spenden sammeln, irgendwas. Dann stieg Kuhn in den Flieger, nahm nur seinen Rucksack, das Zelt, tausend Digitalfotos und seine Erinnerungen mit. Da wusste der TV­ Produzent Mori schon, dass sie sich wiedersehen würden.Wie er das anstellen wollte. Und dass es wieder gefilmt und ausgestrahlt werden müsse. Es dauerte ein gutes halbes Jahr und Mori ließ per Email Taten folgen: Samt Team steht er da plötzlich in Martin Kuhns Wohnung im Magdeburger Bezirk Buckau. Mittlerweile hatten sie aus alten Szenen noch einen zweiten Film zu ihm auf Sendung gehabt, wieder mit Erfolg. Feierlich wird in Magdeburg eine Urkunde überreicht, die das dokumentiert. Martin Kuhn, Platz eins in einem Publikums ­ Ranking der interessantesten Protagonisten aus “Why did you come to Japan?”. Es ist für sie alle, wie sie da in dem Magdeburger Zimmer stehen, ein riesiger Spaß. Eine Rundfahrt durch die Elbestadt gibt es noch. Und am Elbufer kommt Mori als Überraschung mitdem Fahrrad der Japan­Tour vorgefahren. Martin muss lachen, damit hat er nicht gerechnet. “Wir haben ihm viel zu verdanken. Ihm das Fahrrad nach Deutschland zubringen, das war eine Möglichkeit, Dankeschön sagen”, so Mori später. Seine Sendung hat mittlerweile zwei wichtige Fernsehpreise gewonnen und einen besseren Sendeplatz ergattert.

Martin Kuhns Fahrt macht ihn auch unter Japan­Fans in der sachsen­anhaltischen Landeshauptstadt bekannter. Vor kurzem hat er in Magdeburg einen Vortrag unter der Ägide der Deutsch­Japanischen Gesellschaft (DJG) gehalten, über seine Tour und die Begegnungen mit den Japanern. 100 Besucher waren in den Abendstunden in einen Hörsaal der Otto­von­Gueri­cke­Universität gekommen, um etwas von seiner Radler­Sicht auf Japan zu hören. Vom Essen für unterwegs, Baustellenzäunen, die in Deutschland als Kinderspielgerät durchgehen würden, und Porno­Video­Häuschen am Straßenrand. Und er vergisst neben diesen kleinen Anekdoten die Sehenswürdigkeiten nicht, die sich jeder Japanreisende vornimmt. Auch das Fahrrad hatte er in den Hörsaal mitgebracht, so wie er es vielleicht bei der nächsten Präsentation tun wird, die in Magdeburg schon ins Haus steht. Dabei kommen diese Anfragen mit ziemlichem Abstand zu Kuhns Fahrrad­Abenteuer durch das Land der aufgehenden Sonne. Das war nämlich bereits vor mehr als einem Jahr. Weil sich seine Erlebnisse über Moris TV­Show aber erst bis nach Magdeburg rumsprechen mussten, überträgt sich die Begeisterung auf die kleine japanische Gemeinde hierzulande nur nach und nach. Jemand hatte den Beitrag zufällig im Internet entdeckt und es weitererzählt. Und so entwickelt sich die ganze Geschichte von Fahrt bis Fernsehshow ein bisschen zu einer Neverending Story.

Das Video zur Show gibt es hier.