Medaka – der gefühlvolle Bonsaifisch

Haben Sie schon einmal etwas von Medaka gehört? Falls nicht, soll dieser Artikel etwas Licht ins Dunkel bringen. Medaka sind Fische. Sie kommen aus Japan und sind recht klein. Langsam wird aber in Deutschland ihre Bekanntheit größer.

Medaka in der Wildnis

Eigentlich sind Medaka japanische Reisfische. Diese sind mit einer Größe von maximal 3-4 Zentimetern für Zierfische verhältnismäßig klein. In der Natur kommen sie in kleinen Bächen, Quellen oder Reisfeldern vor – in Süßwasser mit wenig Strömung also. Läuft man aber aufmerksam durch japanische Städe oder Dörfer, so sieht man häufig kleine Eimer oder Bottiche vor den Haustüren stehen, in denen sich die Reisfischchen tummeln. Medakas sind bereits sehr tief in der japanischen Kultur verwurzelt: Viele Kinder kennen sie noch aus Mini-Aquarien, die im Fensterbrett der Schule oder auf deren Hof standen und auch in Baumärkten gibt es sie fast das ganze Jahr zu kaufen. Medakas haben in Japan einen ähnlichen Stellenwert wie hierzulande Goldfische – denn bereits seit dem 17. Jahrhundert werden sie als Zierfische gehalten.

Gründe für die Popularität der Medaka

Es gibt mehrere Gründe für die Popularität der kleinen Reisfische. Der Wichtigste davon ist sicher ihre Anspruchslosigkeit: Sie sind klein, brauchen keine externe Sauerstoffzufuhr oder Filter und auch keine Heizung. Im Sommer überleben Medaka ohne Probleme in einem kleinen Eimer mit nur zwanzig Zentimentern Durchmesser. Medakas sind Fleischfresser und ihre Lieblingsspeise sind Mückenlarven.

Mit ein bisschen Muttererde, genügend Licht und einigen kleinen Wasserpflänzchen für die Sauerstoffproduktion halten sich die kleinen Fische sogar in Einmachgläsern. Die Resistenz der Medaka zeigt sich auch in deren Verbreitung in ganz Japan. Vom kalten Norden bis in den heißen Süden überleben Medaka in Gewässern mit Temperaturen knapp 40 Grad oder kurz vor der Gefriergrenze. Einige von ihnen haben es sogar auf eine Reise ins All geschafft.

Neue Medaka-Vielfalt

Nicht nur im All, sondern auch auf Erden nimmt die Popularität der kleinen Reisfische stets zu. Vor allem in den letzten zehn Jahren stürzten sich viele Züchter auf den Oryzias latipes, um neue Varianten zu erhalten. In Analogie zu den großen japanischen Zuchtbrüdern Koi und Goldfisch, ist auch die Medaka-Vielfalt am Wachsen. Vor allem die schnellen Zucht-Ergebnisse sind hier von Vorteil. Während Kois bis zu vier Jahre benötigen, um einen Erfolg zu erzielen, sind es bei den Reisfischen lediglich drei Monate. Außerdem macht sich abermals der Platzvorteil bemerkbar, denn Kois benötigen einen großen Teich und Medakas sprichwörtlich nur einen Blumentopf.

Wilde Medaka kommen in der Natur in den Farben schwarz und grau vor. Vor ca. 400 Jahren kamen auch noch goldene (Himedaka) und weiße (Shiromedaka) Farben hinzu. In den letzen Jahren traten weitere Züchtungen auf: Miyuki (silberfarben), Lame (mit glänzenden Schuppen), Kouhaku (rot/weiß), Sanshoku (dreifarbig) und viele mehr – Farben und Muster wie bei Koys und längere Flossen wie bei Goldfischen.

Der gefühlvolle Bonsaifisch für Jedermann

Gerade in Japan, wo es in den Städten aber auch in Dörfern in der Regel kaum Platz für Fischteiche gibt, passen Medaka sehr gut ins Bild – oder eben auf den Balkon oder Fenstersims. Statt große Kois in großen Teichen, kann man die kleinen Reisfische wie im Bonsai-Garten halten. Wie Kois sind Medakas auch sehr zutraulich. Sobald es Futter gibt, kommen sie an die Oberfläche und knabbern daran. Aber da sie auch sehr gerne Mückenlarven fressen, halten sie kleine Wassertümpel insektenfrei.

Medaka sind somit die perfekten Fische sowohl für Aquarien-Liebhaber als auch Gartenenthusiasten. Aber auch für Bonsai-Liebhaber, die etwas Neues für ihren Mikro-Garten suchen, passen die kleinen Fischchen hervorragend.

„Okinawa – Das Japanische Ferienparadies?!“

Der Arzt und Japan-Erklärer Dr. Kenji Kamino zu Gast bei der DJG Sachsen-Anhalt

Bereits zum 9. Mal konnten wir Herrn Dr. Kamino aus Hannover wieder zu einem spannenden Vortrag über sein Heimatland begrüßen. Diesmal entführte er uns in den südlichsten Teil Japans und berichtete vom außergewöhnlichen und exotischen Inselparadies Okinawa.

Okinawa ist eine der 47 Präfekturen Japans. Die heutige Präfektur Okinawa umfasst 363 Inseln, von denen 160 subtropische Inseln mindestens 1 ha Fläche aufweisen, von denen wiederum nur 43 bewohnt sind. Der höchste Berg ist der 526m hohe Omoto-dake auf Ishigaki jima.

Okinawa wird auch das Südseeparadies von Japan genannt. Das Klima ist subtropisch, fast tropisch, Fauna und Flora sind entsprechend opulent. In Verbindung mit einzigartigen Küsten und weit gedehnten Tauchrevieren ist Okinawa ein sehr beliebter Ferienort. Hier können Urlauber extensiv Wassersport betreiben und die eine interessante Kultur im Hinterland kennen lernen.

In Okinawa gingen kulturelle sowie soziale Entwicklungen zeitversetzt und so extrem langsam voran, dass bis zum 12. Jahrhundert neolithische Kulturen vorherrschten. Seit dieser Zeit entwickelte sich ein hierarchisches soziales System, aufgrund der Insel-Situation fand soziale Differenzierung an mehreren Orten gleichzeitig statt.

Mitte des 15. Jahrhunderts entstand ein vereinigtes Königreich, das „Ryūkyū“ hieß. Ryūkyū war unter beträchtlichem Einfluss chinesischer Kultur, aber politisch weitgehend unabhängig von China und Japan.

Anfang des 17. Jahrhunderts wurde das Ryūkyū-Königreich vom Fürstentum Satsuma von Japan erobert, was zum Verlust seiner Unabhängigkeit führte. Japan ließ jedoch die Monarchie des Ryūkyū bestehen und selbständigen Außenhandel mit benachbarten Staaten treiben. Dadurch konnte das Königreich seine eigentümliche Kultur behalten und entwickeln.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ging in Japan die Samurai-Zeit zu Ende. Die neue Meiji-Regierung führte verschiedene Reformmaßnahmen wie z.B. die Öffnung gen Westen durch. Bei dieser Gelegenheit wurde der König Ryūkyūs endgültig 1879 entthront, und die Ryūkyū-Inseln wurden dann vollständig in den japanischen Nationalstaat, als Präfektur Okinawa, eingegliedert.

Okinawa und der Zweite Weltkrieg

In der weiteren Entwicklung der Weltgeschichte tauchte Okinawa erst wieder gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Im März 1945 begann die Schlacht um Okinawa und dauerte drei Monate lang.

Nach dem Kriegsende richteten die USA mehrere Marine- und Luftwaffen­stützpunkte auf

Okinawa ein. Die Inselgruppe Okinawa wurde 27 Jahre lang vom US-Militär besetzt und regiert. Die Wiedereingliederung der amerikanischen Ryūkyū-Zone in den japanischen Staat erfolgte erst im Jahr 1972.

Heute leidet die Präfektur Okinawa unter großer Belastung durch die fortwährende, starke Präsenz der amerikanischen Streitkräfte, was jedoch aus geopolitischen Gründen für die japanische Zentralregierung unvermeidlich zu sein scheint.

Der Südseeeinfluss und die 600-jährige wechselvolle Geschichte haben dieser Gegend eine besondere kulturelle Prägung gegeben, die Dr. Kamino in zahlreichen Bildern und Videosequenzen darlegte. Andere Traditionen als im restlichen Japan, Hawaii-Hemden als Büro-Outfit, die unübersehbare Tatsache einer „Insel mit den meisten über 100-jährigen“, ein angesagtes Reiseziel als Hochzeits- und Urlaubsinsel für die Kernland-Japaner sowie ein besonderer Ahnenkult mit Respektierung des Alters waren Fakten, die für viele Zuhörer noch nicht so richtig bekannt waren.

Die berühmte japanische Kirschblüte – Hanami – beginnt in Okinawa bei einer Jahres-Durchschnittstemperatur von 20°C übrigens bereits im Januar, während es auf Hokkaido erst im Mai soweit ist.

Der bildgewaltige Vortrag in Verbindung mit dem besonderen, uns nun schon vertrauten Wortwitz von Dr. Kenji Kamino machte diesen Abend einmal mehr zu einem unvergesslichen Ereignis. Der virtuelle Ausflug nach Okinawa war mehr als „eine Reise wert“.

Japan-Dienstreise einer Magdeburger Energie-Expertin

Frau Strübig, wie ich kürzlich erfahren habe, waren Sie letztes Jahr in Japan unterwegs. Was hat Sie dort hingeführt?

Im Rahmen einer Expertenbeauftragung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) habe ich an einem Energiesymposium an der Universität von Nagoya teilgenommen. Daran schlossen sich Gespräche mit Vertretern des japanischen Wirtschafts- und Umweltministeriums in Tokyo an. Im Fokus standen die Herausforderungen einer Energiewende nach deutschem Vorbild, insbesondere die damit verbundene Schaffung entsprechender institutionell-rechtlicher Rahmenbedingungen sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung. Im Rahmen des gemeinsamen Erfahrungsaustausches hat sich gezeigt, dass beide Länder, Deutschland und Japan, viel von einander lernen können und sich zukünftig eine noch engere Zusammenarbeit empfiehlt.

Welche Erwartungen von Land und Leuten hatten Sie vor Reisantritt?

In meinen Vorstellungen ist Japan immer ein faszinierendes Land gewesen, in dem fernöstliche Kultur und Traditionen in einem vitalen Spannungsverhältnis zu modernster Technologie und tief greifendem gesellschaftlichen Wandel stehen und Gastfreundlichkeit und Höflichkeit einen sehr hohen Stellenwert besitzen.

Wurden Ihre Erwartungen bzw. Vorstellungen erfüllt? Oder gab es ganz andere Erlebnisse?

Meine Erwartungen bzw. Vorstellen wurden erfüllt und teilweise übertroffen, auch wenn ich auf Grund der kurzen Aufenthaltszeit nur einen kleinen Einblick in dieses Land erhalten konnte. Besonders beeindruckt hat mich die Gastfreundlichkeit und Höflichkeit sowie die Hilfsbereitschaft der Japaner. Ich habe mich vom ersten Augenblick an in diesem Land aufgenommen und wohl gefühlt. Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist auch die Pünktlichkeit der Japaner. Insbesondere die Pünktlichkeit der japanischen Züge hat mir imponiert.

Beeindruckend war zudem, dass in diesem hochindustriellen, modernen Land das alte Japan weiterlebt und sich Tradition und Moderne in einem interessanten Wechselspiel befinden. Kunstvolle Schreine, ehrwürdige Pagoden sowie Ruhe spendende Zen-Gärten und traditionelle Teehäuser gehen einher mit imposanten Wolkenkratzern, Hightech und bunten Leuchtreklamen.

Wie haben die japanischen Städte Tokyo und Nagoya auf Sie gewirkt?

Tokyo ist für mich eine Stadt der Extreme, die Tradition und Moderne vereint und ein reges kulturelles Leben hat. Der Blick von einem der vielen Wolkenkratzer auf das nächtliche Lichtermeer aus Neonreklamen und glitzernden Warenhäusern war ein tolles Erlebnis.

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Der Großraum Nagoya als Heimat des riesigen Toyota-Konzerns ist eine moderne Industrie-region. Die Millionenstadt Nagoya mit ihren atemberaubenden Hochhäusern offenbart sich einem als aufstrebende, sich rasant verändernde Metropole.

Ein Besuch der Burg von Nagoya vermittelte mir, dass diese Stadt auch reich an Geschichte ist. So haben die drei bedeutendsten Helden der japanischen Feudalzeit – Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu – hier ihre Spuren hinterlassen.

Wie sind Sie mit den japanischen Speisen zurecht gekommen?

Besonders aufgefallen ist mir, dass das Thema Essen in Japan eine sehr hohen Stellenwert besitzt und die Japaner hohe Anforderungen an Geschmack und Qualität ihrer Nahrungsmittel haben. In den Restaurants waren die angebotenen Gerichte stets frisch und von hoher Qualität sowie leicht und sehr bekömmlich. Das Frischfischangebot in Japan hat mich als bekennende Sushi-Liebhaberin begeistert.

Würden Sie gern wieder nach Japan reisen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet?

Ich habe mir fest vorgenommen, wieder nach Japan zu reisen. Allerdings dann für einen längeren Zeitraum, um Land und Leute besser kennen zu lernen sowie die herrlichen vielgestaltigen Landschaften – und nicht zu vergessen das Essen 🙂 – zu genießen.

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Das Interview führte Tim Schneider.

Martin Kuhn und seine Ochsen-Tour ins Herz der Japaner

Wie der Magdeburger Martin Kuhn zum Fernsehliebling avancierte. Von Mandy Ganske-Zapf. Mit freundlicher Genehmigung der Magdeburger Volksstimme.

Glaubt man den hochgerech­neten Quoten des Produzenten Mori Tatsuo, haben mindestens zehn Millionen Menschen zugesehen, wie Martin Kuhn in Japan in die Pedale tritt. Mindestens, denn genauer kann das der Fernsehmacher nicht sagen. Er glaubt, es müssen sehr viel mehr gewe­sen sein, denn Kuhn wurde in Japan ein Fernsehliebling.

Mori hatte den Deutschen bei der Ankunft am Flughafen angesprochen, er produziert eine Show unter dem Titel “Why did you come to Japan?” (“Warum kommen Sie nach Japan?”). Angereisten stellt er genau diese Frage. Und folgt denjenigen, die interessant werden könnten. Die Idee des Magdeburgers versprach das: Entlang der japanischen Küste radeln und schauen, wie weit er kommt. Das Wenigste hatte er vorher fest geplant, geschweige denn trainiert. Die Fernsehleute begleiteten ihn über die erste Etappe auf Schritt und Tritt. Wie er sich überhaupt erst in Japan ein Fahrrad zulegte, die erste Übernachtung hatte und am nächsten Tag startete, früh am Morgen um 5.20 Uhr. Auch als er zwischendurch schon nicht mehr konnte, abgekämpft aussah, mit glutroten Wangen, hielten sie mit der Kamera drauf. Kuhn lacht auf diesen Bildern viel, er nahm es offensichtlich sportlich. Während sich Mori und sein Team danach erstmal ins Studio zurückzogen, alles schnitten und über den Äther bei “TV Tokyo” laufen ließen, fuhr Martin Kuhn weiter.

Von der 300 000­Einwohner­Stadt Aomori gestartet, radelte der 36­ Jährige weiter über Tappi und die gesamte Westküste hinunter. Er ist selbständig, und dafür hatte er sich die Zeit gern freigeschaufelt. So ging es vorbei an Steilküsten, die mit einem Gitternetz aus Stahlbeton gesichert waren, vorbei an Tempeln, die in Japan auch am Straßenrand stehen, und vorbei an unzähligen Anglern ­ immer mit einem grandiosen Ausblick aufs Meer. übernachtet hat er meist in seinem Zelt, einmal musste ein Bushäuschen herhalten. Erst später hatte er erfahren, dass das durchaus üblich sei. Gefährlich seien jedenfalls weder das wilde Campen noch die Nacht an der Haltestelle gewesen. “Nur einmal habe ich mein Zelt direkt wieder abgebaut und bin weitergezogen”, erzählt er rückblickend. Denn im anliegenden Wald hatten mit der heraufgezogenen Dunkelheit unzählige Affen begonnen zu kreischen. Angst hatte er nicht, so allein unterwegs zu sein. Recht geben ihm die Zahlen, die Jahr um Jahr zu Japans Kriminalität veröffentlicht werden, gerade erst wieder. Registrierte Straftaten sind rückläufig.

Martin Kuhn hatte andere Probleme: die langen Strecken auf dem harten Fahrradsattel über den Asphalt, Berge hoch und runter, die Schmerzen und zerschlissene Fahrradschläuche. Die erste Panne hatte er nach rund 600 Kilometern. Vier weitere sollten folgen. Und Kuhn hat gelernt, was Regenwetter in Japan bedeutet. “Sie sind wohl durch den Taifun gefahren”, wurde er bei seiner Ankunft in einem Hotel in der Hafenstadt Kagoshima gefragt. Ein Taifun also, und eine Erklärung für die zehn Stunden unter sintflutartig prasselnden dicken Fäden, die vom Himmel ohne Unterlass auf ihn niedergegangen waren. Eingeprägt haben sich ihm die Besuche in Hiroshima und Nagasaki ­ die Städte erzählen über die schmerzlichste Seite der Geschichte Japans, über die Atombomben, die im zweiten Weltkrieg dort abgeworfen wurden und ein Inferno über die Städte brachten. Und ein Trauma übers Land. An der Stelle, wo die Bombe in Hiroshima auftraf, ist heute ein See, künstlich angelegt. Mitten drin eine ewige Flamme, davor ein leeres Grab zum Gedenkenan die 140.000 Opfer, allein in dieser Stadt bis zum Ende des Jahres 1945. Martin Kuhn stand davor, schaute durch den Steinbogen hindurch, direkt auf das einzige Gebäude, das als Ruine auf der anderen Seite des Sees erhalten geblieben ist. Unverändert, weil das die Japaner so wollten. “Das war sehr bewegend.”

Während der Deutsche so immer weiter von Stadt zu Stadt fuhr, stieg mit jedem gefahrenen Kilometer die Reichweite der von Mori produzierten Fernsehbilder. Bis er unterwegs erkannt wurde. Mal winkten Leute, Mopeds hupten ihn an. Er schüttelte so einige Hände. Das altmodische Fahrrad mit dem doppelten Vorderlicht (auch “Double Frontlight” genannt), fast wie neu, aber laut Produktionsdatum an die 50 Jahre alt, merkten sich die Zuschauer offenbar gut. Fast wie ein Markenzeichen. Kuhn fuhr darauf seine Kilometer runter, meist sogar mit Jeans. Ob im Fernsehen oder unterwegs, wer Martin Kuhn in Japan gesehen hat, wird sich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit gefragt haben, ob dieser Deutsche alle beieinander hat. So etwas wie Elbe­ oder Allerradweg mit Stationen für den Stempelpass gibt es in Japan nicht. Rund 30 Städte in 42 Tagen mit durchschnittlich 130 Kilometern Fahrt pro Tag sollten am Ende auf Kuhns Merkzettel stehen. Er hat das Landleben gesehen, die Straße, an ihm vorbeirauschende Lastwagen gespürt, Ampeln passiert, die mit Blau sagen, dass er fahren darf, Osaka und Tokio besucht, auch berühmte Tempel wie den Kinkaku­ji, den Goldenen Pavillon, Weltkulturerbe der Unesco und knapp 700 Jahre alt.

Nach der Ochsentour über 4000 Kilometer traf er Mori noch einmal wieder, zum Abschied. Er überließ ihm das Fahrrad. Der Magdeburger sagte ihm, er solle das für seine Show benutzen, versteigern, damit Spenden sammeln, irgendwas. Dann stieg Kuhn in den Flieger, nahm nur seinen Rucksack, das Zelt, tausend Digitalfotos und seine Erinnerungen mit. Da wusste der TV­ Produzent Mori schon, dass sie sich wiedersehen würden.Wie er das anstellen wollte. Und dass es wieder gefilmt und ausgestrahlt werden müsse. Es dauerte ein gutes halbes Jahr und Mori ließ per Email Taten folgen: Samt Team steht er da plötzlich in Martin Kuhns Wohnung im Magdeburger Bezirk Buckau. Mittlerweile hatten sie aus alten Szenen noch einen zweiten Film zu ihm auf Sendung gehabt, wieder mit Erfolg. Feierlich wird in Magdeburg eine Urkunde überreicht, die das dokumentiert. Martin Kuhn, Platz eins in einem Publikums ­ Ranking der interessantesten Protagonisten aus “Why did you come to Japan?”. Es ist für sie alle, wie sie da in dem Magdeburger Zimmer stehen, ein riesiger Spaß. Eine Rundfahrt durch die Elbestadt gibt es noch. Und am Elbufer kommt Mori als Überraschung mitdem Fahrrad der Japan­Tour vorgefahren. Martin muss lachen, damit hat er nicht gerechnet. “Wir haben ihm viel zu verdanken. Ihm das Fahrrad nach Deutschland zubringen, das war eine Möglichkeit, Dankeschön sagen”, so Mori später. Seine Sendung hat mittlerweile zwei wichtige Fernsehpreise gewonnen und einen besseren Sendeplatz ergattert.

Martin Kuhns Fahrt macht ihn auch unter Japan­Fans in der sachsen­anhaltischen Landeshauptstadt bekannter. Vor kurzem hat er in Magdeburg einen Vortrag unter der Ägide der Deutsch­Japanischen Gesellschaft (DJG) gehalten, über seine Tour und die Begegnungen mit den Japanern. 100 Besucher waren in den Abendstunden in einen Hörsaal der Otto­von­Gueri­cke­Universität gekommen, um etwas von seiner Radler­Sicht auf Japan zu hören. Vom Essen für unterwegs, Baustellenzäunen, die in Deutschland als Kinderspielgerät durchgehen würden, und Porno­Video­Häuschen am Straßenrand. Und er vergisst neben diesen kleinen Anekdoten die Sehenswürdigkeiten nicht, die sich jeder Japanreisende vornimmt. Auch das Fahrrad hatte er in den Hörsaal mitgebracht, so wie er es vielleicht bei der nächsten Präsentation tun wird, die in Magdeburg schon ins Haus steht. Dabei kommen diese Anfragen mit ziemlichem Abstand zu Kuhns Fahrrad­Abenteuer durch das Land der aufgehenden Sonne. Das war nämlich bereits vor mehr als einem Jahr. Weil sich seine Erlebnisse über Moris TV­Show aber erst bis nach Magdeburg rumsprechen mussten, überträgt sich die Begeisterung auf die kleine japanische Gemeinde hierzulande nur nach und nach. Jemand hatte den Beitrag zufällig im Internet entdeckt und es weitererzählt. Und so entwickelt sich die ganze Geschichte von Fahrt bis Fernsehshow ein bisschen zu einer Neverending Story.

Das Video zur Show gibt es hier.

Was Mara in Japan macht…

Mara ist 15 Jahre alt und ging bis vor kurzem auf das Ökomenische Domgymnasium Magdeburg. Seit April ist sie aber für sechs Monate auf der Kawane-Koko – einer Highschool in der Shizuoka Präfektur.

Wie kam Mara bloß nach Japan?

Mara besuchte den Japanisch-Sprachkurs der DJG Sachsen-Anhalt e.V. Im Dezember bestand sie den N5-JLPT mit Bravur. Es ist unübersehbar, wie groß Maras Talent und ihre Motivation für die Japanische Sprache sind. Ist mit diesen Voraussetzungen ein längerer Aufenthalt in Japan möglich? Mara und Sakiko, Maras Japanischlehrerin, kam dann dieser Gedanke… Wäre es nicht aufregend, Mara für sechs Monate nach Japan zu schicken? In ein kleines Dorf in der Shizuoka Präfektur? Wo sie ihr Japanisch verbessern kann? Wo sie Land und Leute kennen lernt? Wo sie auch ganz nebenbei bei Akaishi Daiko, der Schwestergruppe von Akaishi Daiko Deutschland, anfangen kann? Maras Eltern waren schnell überzeugt, die Gasteltern schnell gefunden und die Kawane Koko war ebenfalls sofort begeistert.


Das Dorf Senzu in den Japanischen Alpen. Maras neues Zuhause für 6 Monate.

Der Weg nach Japan

Sakiko, Maras Eltern und die neuen Gasteltern ebneten Mara mit viel Einsatz und persönlicher Motivation den Weg nach Japan. Ganz ohne die Hilfe von externen Organisationen verhalfen sie Mara zu ihrem Abenteuer. Bürokratische Hürden wurden (durch die Zeitverschiebung) in nächtlichen Gesprächen genommen. Per Skype stellten sich Maras Eltern den Gasteltern vor und waren sich von vornherein sympatisch. Während Maras Vorfreude stieg, wurden die Gasteltern immer nervöser. Vier Kinder hatten sie bereits groß gezogen – alle sind nun in großen Städten und kümmern sich um ihr eigenes Leben. Die Gasteltern hatten plötzlich ein fünftes Kind zu versorgen. Doch sie mussten noch eine Schuluniform (von den Nachbarn), ein Zimmer im Haus (das Gästezimmer!), Bahnfahrkarten für die Schule (ca. 10km Entfernung vom Haus sind zu überbrücken) und vieles mehr organisieren. “Würde Mara das Essen bekommen? Wird sie von den Nachbarn und neuen Schülern gut aufgenommen? Wie fügt sie sich in unseren Alltag ein?”. Fragen, auf die es zu Beginn keine Antworten gab. Maras Abflug aus Berlin mit Ziel Nagoya rückte immer näher. Erst mit ihrer Ankunft würden sich die ersehnten Antworten ergeben.

Die Ankunft

Maras neuer Gastbruder Ryosuke (der mittlerweile für ein Jahr in Kanada ein Working-Holiday absolviert) und Chiaki (eines der vier schon selbstständigen Kinder) holten Mara in Nagoya ab. In diesem Fall waren es Maras Eltern, die sich sorgten, als sie die erst 15-jährige Mara alleine ins Flugzeug steckten. Als via Email das erste Bild mit Mara, Chiaki und Ryosuke auftauchte, war die Erleichterung groß!

In den ersten Tagen war Mara mit ihren naturblonden Haaren der Hingucker in Kawanehoncho. An einem Tag wurde sie in einem Supermarkt rund fünf Kilometer entfernt von ihrem neuen Wohnort gesichtet – diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Mara verschlang auch das leckere hausgemachte Essen und die Nachbarn konnten ihre Augen nicht von ihr lassen. Überall wurde ich gutes Japanisch bewundert.

Eine Woche vor Schulbeginn besuchte sie erstmals ihre neue Schule und wurde dem Schulleiter und einigen Lehrern vorgestellt. Am gleichen Tag spielte sie das erste Mal Taiko.

Um 06:30 Uhr klingelt Maras Wecker. Sie steht auf und isst Frühstück. 07:30 Uhr verlässt sie das Haus. Gemeinsam mit Moe geht sie den Berg hinunter zur Bahnstrecke. Um 08:00 Uhr erreichen Sie die Schule. Der Tag beginnt…

Kultur, Kommerz, Community – Kunst als Mittel der Stadterneuerung in Japan

Ein Gastbeitrag von Christian Dimmer aus PLANERIN. Mitgliederfachzeitschrift für Stadt-, Regional und Landesplanung, Heft 5/2013″ mit einem Vorwort von Tim Schneider

Vorwort

Japan im Umbruch. Der Wandel gesellschaftlicher Leitbilder, soziologischer Strukturen und der gebauten Realität ist allerorten spürbar. In den Metropolen der Ebenen entlang der Küste wie im gebirgigen Hinterland.

Japan wird bunt. Japan wird wie andere postindustrielle Gesellschaften auch immer facettenreicher und vielgestaltiger. Alte Rollenbilder weichen auf, neue kommen hinzu. In loser Folge sollen hier Artikel über aktuelle Entwicklungen in Japan berichten.

Begonnen wird mit einem Artikel über wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen im Japan der Großstädte wie auch des ländlichen Raums sowie über bemerkenswerte Aktivitäten des Gegensteuerns.

„Kultur, Kommerz, Community – Kunst als Mittel der Stadterneuerung in Japan“ von Christian Dimmer, Ph.D., Universität von Tokyo, 2013

Das Schlagwort „Creative City“ oder „kreative Stadt“ ist mit einiger Verspätung auch bei der Wiederbelebung japanischer Innenstädte ein vielgebrauchtes Zauberwort geworden. Wie viele ihrer deutschen Pendants sind die meisten Stadtkerne in Japan und selbst Teile der Metropole Tokyo einer Überalterung, dem Verfall von Nachbarschaftsstrukturen,  ökonomischem Strukturwandel und Leerstand ausgesetzt. Alleine in der Hauptstadt gibt es beispielsweise rd. 750.000 leer stehende Wohnungen oder Häuser. In großen Städten wie Tokyo, Yokohama oder Osaka, die während Japans  Immobilienboom  in den  1980er-Jahren durch stark steigende Bodenpreise  massiv an Wohnbevölkerung ein- büßten, spielen nun Kultur, Kreativität und Kunst im Prozess einer angestrebten Reurbanisierung  weitgehend nutzungsentmischter Zentrumsbereiche eine eine zunehmend wichtige Rolle. Die von oben verordnete Creative-City-Initiativen der Städte, aber auch diejenigen einflussreicher Immobilienentwickler zielen darauf ab, sich auf den Schaltkreisen der Global Cities zu verorten und  das kreative Potenzial für eine wirtschaftliche Revitalisierung zu mobilisieren, um die Städte  für den verschärften  interkommunalen sowie internationalen Standortwettbewerb zu positionieren.

 Triennalisierungvon Stadterneuerung

Die Aufwertung  zentralstädtischer öffentlicher Räume und die temporäre Nutzung von leeren Gebäuden und Brachflächen sowie deren Bespielung mit Events im Rahmen großer, internationaler Kunstveranstaltungen hat dabei so wie anderswo auf der Welt zu einer regelrechten „Triennalisierung“  (siehe Marchart 2008) von unternehmerisch geprägter Stadtentwicklungspolitik geführt, mit dem Ziel, Investitionen, Städtetourismus oder die „kreative Klasse“ anzulocken (siehe Florida 2003).

Aufwendig inszenierte, dezentrale, innerstädtische Kunst-Events wie etwa die internationale Triennale für zeitgenössische Kunst in Yokohama  (seit 2001, www.yokohamatriennale.jp), die Aqua-Metropolis-Ausstellung in Osaka (seit 2009, www.osaka-info.jp/suito) oder die Aichi Triennale in Zentral-Nagoya (seit 2010, www.aichitriennale.jp) nehmen dabei eine immer zentralere Rolle für die strategische Aufwertung der Zentrumsbereiche ein.

Wurden noch bis Ende der 1990er-Jahre viele Kunstwerke nur in Galerien und Museen  zum passiven Erleben gezeigt, so wandelte sich dieses eher elitäre und statische Kunstverständnis in den letzten Jahren: Die Kunst ist prozesshafter geworden und aus den Museen in die städtischen Räume gewandert. Oftmals aber sind diese Kunstprojekte  eher Bestandteile  von oben verordneter Stadtaufwertungsinszenierungen und streben weniger kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft im Sinne von Beuys’ sozialer Plastik oder der Situationisten um Guy Debord an.

Creative City, Soziale Stadt,  Kunst

Seit 2004 ist zum Beispiel die Yokohama Triennale integraler Bestandteil des offiziellen Creative-City-Programms der Stadt. Unter Einbeziehung der Bürger und unter Ausnutzung historischer Potenziale und leer stehender Gebäude soll ein „kreatives Milieu“ geschaffen werden,  „wo Kulturschaffende gerne wohnen möchten“, um so die lokale Wirtschaft zu beleben  (www.city.yokohama.lg.jp/bunka/soutoshi). Um den Bahnhof Koganecho herum übernahm die Stadtverwaltung 2006 beispielsweise die Initiative bei einem bereits vorher durch die Anwohner initiierten Erneuerungsprojekt. Dies zielte ursprünglich darauf  ab, die Gegend von Prostitution und der damit verbundenen Kriminalität zu befreien. Die Stadt half bei der Renovierung und Vermietung ehemaliger Bordelle an Kreative und Kunstschaffende und machte das Areal schließlich als „Koganecho Bazar“ zu einem offiziellen externen Standort  der Yokohama Triennale 2011. Durch diesen und andere „tie-ups“ oder Verknüpfungen mit existierenden zivilgesellschaftlichen Initiativen versucht Yokohama, bürgerliches Engagement zu aktivieren und die soziale Dimension von Nachhaltigkeit zu stärken.

 Von Rotlichtviertel zu Tokyos Kunstdreieck

Seit dem Platzen von Japans Immobilienblase im Jahre 1992 hat sich ein starker Standortwettbewerb zwischen zentralen, jeweils von einzelnen, großen Immobilienentwicklern dominierten Büro-, Geschäfts- und Einkaufsquartieren entwickelt. Kunst sowie eine Festivalisierung des öffentlichen Raumes spielen dabei eine wichtige Rolle, um zahlungskräftige Mieter und Besucher anzulocken  und Medienaufmerksamkeit zu generieren (siehe Dimmer 2012). Ein prominentes Beispiel ist dabei die gezielte Auf- und Umwertung des noch vor einigen Jahren als verrucht geltenden Amüsierviertels Roppongi im Bezirk Minato. Seit der Fertigstellung des massigen Roppongi-Hills-Komplexes (2003) durch den Immobilienkonzern Mori Building mit seinem Mori Art Mu- seum hoch oben im 53. Stock entstand langsam ein neues Epizenturm von Tokyos Kunstwelt.

2007  öffnete  in der Nachbarschaft  das von Kisho Kurokawa  entworfene National Arts Center Tokyo seine Tore. Das im gleichen Jahr von der Entwicklungsfirma Mitsui getragene Großprojekt  Tokyo Midtown  mit dem von Kengo  Kuma entworfenen Suntory  Kunstmuseum  und  dem von Tadao Ando in eine riesige Grünfläche eingebetteten „21_21 Design Site“ machte  die Transformation des ehemaligen Schmuddelviertels Roppongi in Tokyos neues Kunstdreieck komplett. Seit 2009 findet nun jährlich das Großspektakel  Roppongi Art Night in den öffentlichen  Räumen zwischen  den  drei Kunstmagneten statt, das von dem in den Straßen von Paris stattfindenden Kunstevent Nuit Blanche (2002) inspiriert wurde.

Wiederentdeckung des  ländlichen Japans

Nicht nur im Zusammenhang mit der international viel dis- kutierten Renaissance der Stadt, sondern  auch bei der Revi- talisierung von Japans strukturschwachen ländlichen Räu- men  hat  eine regelrechte Triennalisierung eingesetzt. Ein sehr erfolgreiches, frühes Beispiel ist die Echigo Tsumari Kunst Triennale (www.echigo-tsumari.jp), die seit 2000 in einer landwirtschaftlich geprägten Gebirgsregion  der Präfektur Niigata stattfindet und sich nach kurzer Zeit zu einem der weltgrößten Freiluft-Kunstfestivals entwickelt  hat. Mit 760 km²  entspricht die Region – in der zuletzt im Jahr 2012 367 Kunstwerke von 310 Künstlern aus 44 Ländern direkt in der Landschaft oder in leer stehenden Gebäuden ausgestellt wurden  – in etwa der Ausdehnung der Metropolregion Tokyo. Seit 2000 zog die Veranstaltung weit über 1 Mio. Besucher in diese durch demografischen Wandel geschwächte Region und trug dazu bei, das Problembewusstsein für Überalterung und Abwanderung aus den ländlichen Räumen in der japanischen  Gesellschaft zu schärfen.

Ein zweites wichtiges Kunstfestival an Japans Peripherie ist die Internationale Setouchi Kunst Triennale (www.setou-chi-artfest.jp),  die erstmals 2010 auf zwölf entlegenen Inseln der Seto-Inlandsee  stattfand und sogar 940.000 Besucher im ersten Jahr anlockte.

Zivilgesellschaftliche Initiativen

Neben diesen großen, vielfach publizierten Veranstaltungen, die erheblichen  Einfluss auf die Investitionsentscheidungen und gesamtstädtischen Entwicklungsszenarien verstärkt unternehmerisch agierender Kommunen  und Regionen nehmen, gibt es aber auch eine Vielzahl kleinmaßstäblicher Projekte, die an der Schnittstelle von Aktivismus und Kunst auf der Mikroebene zu einer Revitalisierung von ganzen Nachbarschaften beitragen.

Obwohl  die Bevölkerung des Gesamtraums Tokyo immer noch anwächst, sind viele Stadtquartiere selektiv mit Leerstand, Überalterung und Verlust historischer Bausubstanz oder Freiräumen konfrontiert. Anders als die diskutierten  Großveranstaltungen entwickelten sich diese Graswurzelinitiativen weitgehend ohne staatliche Unterstützung aus zivilgesellschaftlichem Engagement heraus  und trugen entscheidend zur Aufwertung benachteiligter Quartiere bei.

Ein wichtiges Beispiel ist Ya-Ne-Sen – ein Gebiet in der Nähe von Tokyos altem Unterzentrum Ueno, dessen Name eine Neuschöpfung ist aus den Anfangsbuchstaben der drei zwar benachbarten, aber sozial-geschichtlich unabhängigen Nachbarschaften Yanaka, Nezu und Sendagi. Eine neue, übergreifende Quartiersidentität wurde  hier durch die vielfach preisgekrönte Nachbarschaftszeitung „Ya-Ne-Sen“ (www.yanesen.net) geschaffen, die von drei Hausfrauen ab 1984  herausgebracht wurde  und die sich mit örtlicher Geschichte, Baudenkmälern und anderen stadträumlichen Besonderheiten dieser dicht mit ein- bis zweistöckigen  traditionellen Holzhäusern bebauten Gegend auseinandersetzte. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielte die dezentrale Kunst- und Handwerksaustellung Geikoten  (www.geikoten.net), die von ehemaligen Studenten der nahegelegenen Tokyo Universität der Künste und interessierten Bürgern seit 1993 auf Brachflächen, in leer stehenden Gebäuden und in kleinen Galerien verstreut in Yanaka, Nezu und Sendagi stattfindet. Ziel dieser jährlich für zwei Wochen stattfindenden Veranstaltung ist die Förderung lokaler Künstler und die spielerische Einbeziehung der Bürger in das Kunstschaffen. Darüber hinaus werden  die Besucher dazu animiert, unbe- kannte Facetten der Nachbarschaft  in den engen,  labyrinthartigen Gassen des Ya-Ne-Sen-Quartiers zu erkunden, die die verschiedenen Ausstellungsflächen verknüpfen.

Auch außerhalb der jährlichen Ausststellungswochen gibt es regelmäßig Nachbarschaftsevents in Ya-Ne-Sen, und nach und nach haben sich immer mehr Galerien und Kunsthandwerksbetriebe dort angesiedelt. Eine kleine, private Freifläche etwa, die ein lokaler Architekt ursprünglich für den Bau eines Einfamilienhauses erworben hatte, dient seit 2006 als „Inkubator“ von Nachbarschaftsaktivitäten. Für einen für Zentral-Tokyo geringen  Unkostenbeitrag von 15 € pro Tag kann jeder die günstig gelegene Brache unbürokratisch nutzen. Regelmäßig finden hier Ausstellungen, Theateraufführungen, Freilichtwerkstätten für Kinder, Bauernmärkte, Informationsveranstaltungen und Flohmärkte statt.

Auf der „Leihbrache“ finden vielfältige Nachbarschaftsakivitäten statt   (Foto: Toshiyuki Makizumi)

Auf der „Leihbrache“ finden vielfältige Nachbarschaftsakivitäten statt (Foto: Toshiyuki Makizumi)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den vergangenen zehn Jahren Kunst und Kreativität eine immer stärkere Rolle bei Stadt- und Regionalentwicklung spielen. Während bereits in den 1990er-Jahren wichtige zivilgesellschaftliche Initiativen auf der Mikroebene versucht  haben, Problemviertel zu revitalisieren, ist es seit Mitte der 2000er-Jahre zu einer wahren Explosion an von oben verordneten Creative-City-Initiativen gekommen. Die Übergänge zwischen Kunst und Kommerz sind dabei fließend, da viele ehemals rein zivilgesellschaftliche Projekte später von großen Entwicklerfirmen oder Kommunen aus Gründen des Standortmarketings unterstützt werden.

Christian Dimmer, Ph. D., Raum- und Umweltplaner,  Assistenz Professor für Städtebau und Stadtforschung, Universität von Tokyo

Quellen

Dimmer, Christian (2012): Re-imagining Public Space: The vicissitudes of Japan’s privately owned  public spaces, in: Brumann, C.; Schulz, E. (Hg.) (2012): Urban Spaces in Japan: Cultural and Social Perspectives, S. 74–105

Florida, Richard (2003): The Rise of the Creative Class: And How It’s Trans- forming Work, Leisure, Community and Everyday Life. New York

Marchart, Oliver (2008): Hegemonie  Im Kunstfeld: Die Documenta-Aus- stellungen  dX, D11, D12 Und Die Politik Der Biennalisierung. Köln

Über Christian Dimmer

Christian Dimmer, PhD. Stadtforscher. Studium der Raum- und Umweltplanung an der Technischen Universität Kaiserslautern. Assistenzprofessor an der Universität von Tokyo, wo er im Fachbereich Städtebauwesen promovierte (Urban Design Lab, University of Tokyo). Als Post-Doktorand und Stipendiat der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) war er Mitarbeiter am interdisziplinären Fachbereich ‚Interfakulty Initiative in Information Studies’ der Universität von Tokyo und forschte über „die Politik{en} des öffentlichen Raums“.

Als städtebaulicher Berater arbeitete er mit Architekturbüros wie Arata Isozaki & Associates zusammen sowie mit Immobilienentwicklern wie Mitsubishi Estate. Er ist Mitbegründer der Tokyoter Ortsgruppe der gemeinnützigen Hilfsorganisation Architecture For Humanity wie auch des Tohoku Planning Forum und unterrichtet Kurse in nachhaltigem Städtebau, Theorien zum öffentlichem Raum, Metropolen im Globalisierungsprozess sowie Planungstheorie an der Waseda-Universität.

Das Märchen von Leander

Von Simone Trieder

Shigeko Nakamura aus Kamakura einer alten Samurai-Stadt, 50 km von Tokio, ist von Kindheit an begeisterte Leserin der „Träumereien an französischen Kaminen“ von Richard Volkmann-Leander, die sie aus einer der zahlreichen Übersetzungen ins Japanische kannte. Sie wollte gern mehr über Volkmann wissen. Ihr Professor für deutsche Literatur an der Keio Universität in Tokio wies sie auf die Volkmann-Biografie von Simone Trieder hin: „Richard von Volkmann-Leander. Chirurg und Literat“.  Doch Shigeko Nakamura konnte bis dahin kein Wort Deutsch. Sie fing an Deutsch zu lernen (und das in meinem Alter, das war schwer, aber auch befriedigend, schrieb sie) und nach zwei Jahren hat sie die Biografie gelesen. In einer Mail an Simone Trieder bedankte sie sich für das „admirable book with detailed investigation“.

Mit ihrem Mann ist sie im diesem Sommer eine Woche in Deutschland (Berlin, Köln Frankfurt), sie wollte gern die Autorin kennenlernen und auch das Denkmal und Volkmanns Wirkungsstätten in Halle sehen.

Gemeinsam mit Mako Takase, einer in Halle lebenden Japanerin, zeigte Simone Trieder ihrer japanischen Leserin und deren Mann das Volkmann-Denkmal in der Magdeburger Straße, das Grab auf dem Stadtgottesacker, die Volkmann-Villa in der Emil Abderhaldenstraße, die Universität, den Markt, das Händeldenkmal.

In einem Reiseführer hatte Shigeko Nakamura gelesen, dass Händel ein großer Sohn der Stadt Halle ist. Aber Volkmann stand nicht im Reiseführer, sagte sie bedauernd.

Sie hatte die Biografie sehr genau gelesen und wusste viele Details über den Arzt und Literaten Volkmann, die die Autorin (das Buch erschien 2006 im Mitteldeutschen Verlag Halle) selbst teilweise schon vergessen hatte. Shigeko Nakamura wies darauf hin, dass von den 22 Leander-Märchen nur 20 ins Japanische übersetzt worden sind. Die Märchen „Das bucklige Mädchen“ und „Mohr und Goldprinzessin“ sind für das japanische Gefühl diskriminierend und wurden ausgelassen.

Nach einigen Stunden verabschiedeten sich die Gäste aus Japan. Geschenke wurde ausgetauscht: Eine traditionelle Holzschnitzerei aus Kamakura erhielt S. Trieder und Shigeko Nakamura eine „Träumereien“-Ausgabe des Mitteldeutschen Verlages mit Illustrationen hallescher Künstler. Die japanische Leserin bat Simone Trieder, die noch nie in Japan war, bei ihrem nächsten Japan-Besuch doch unbedingt nach Kamakura zu kommen. Zum Schluss sagte sie auf Deutsch: ich freue mich auf  meinen nächsten Besuch in Halle.

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Simone Trieder
Richard von Volkmann – Chirurg und Literat
176 S., geb. mit zahlr. Abb.
ISBN 978-3-89812-353-2

erschienen im Mitteldeutschen Verlag